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Lieber früher als später

Umzug! Bitte Sachen packen und rüber zu generationendialog.wordpress.com!

Der Blog zieht zum Anbieter wordpress.com um. Ich müsste hier jede Menge Programmierarbeit reinstecken, damit ihr es hübscher und leichter lesbar habt. Das könnte ich zwar, aber mit dem Backend (dem Administrationsbereich) wäre ich dann immer noch unglücklich.

Leider wollten die Kommentare nicht mitumziehen. Daher findet die bisher stattgefundenen Diskussionen weiterhin hier statt.

Befreiung durch Bevormundung?

Analyse feministischer Generationen mit Beispielen aus „Menschen bei Maischberger“

Lieber als pdf-Version lesen? Kein Problem!

Seit langem arbeite ich daran zu verstehen, was zwischen den feministischen Generationen eigentlich schief läuft. Immer wieder sehe ich Missverständnisse, absurde Diskussionsverläufe, aufschäumende Emotionen und frage mich „warum?“. In der letzten Septemberwoche sah ich all das in nur einer Talkrunde wieder, als ob diese extra für eine umfassende Analyse inszeniert worden wäre.
Alice Schwarzer, Sonya Kraus, Reyhan Şahin, Gisela Marx und Wolfgang Grupp waren letzte Woche bei Maischberger geladen, um über „Machofrauen – Müde Männer: Letzte Runde im Geschlechterkampf?“ zu diskutieren. Für mich war hier das Interview mit Schwarzer und die Diskussion rund um Grupp eher uninteressant, doch den Rest verwende ich fortfolgend als Beispiele. Ich habe mich bemüht die jeweiligen Sequenzen der Talkrunde für das Textverständnis ausreichend zu beschreiben, so dass die Sendung nach eigener Bedürfnislage angesehen werden kann.

In den Diskussionen zwischen den geladenen Frauen zeigten sich Verhaltensmuster, die mir die Gelegenheit geben, zu verdeutlichen, was ich als „Generationenkonflikt in der Frauenbewegung“ bezeichne.

Die Zusammensetzung der Talkrunde

Die „junge Generation der Feministinnen“ wurde von Reyhan Şahin ( aka Lady Bitch Ray) vertreten. Zudem war sie die einzige Vertreterin für Rap, Menschen mit konstruiertem Migrationshintergrund, Hochschullehrende und Muslimas (obwohl ich nicht weiß, ob sie gläubig ist). Sie hatte also alle Hände voll zu tun und musste zudem ihre Themen gegen das hegemoniale Verhalten der anderen Frauen durchsetzen.
Alle anderen sind weiß und waren in genau einer Funktion geladen: Wolfgang Grupp als Sexist, Sonya Kraus als Sonya Kraus, Alice Schwarzer als Alice Schwarzer, Gisela Marx als Gisela Marx. Dies zeigen auch die Vorstellungstexte: Reyhan Şahin war weder als Reyhan Şahin geladen, noch als Lady Bitch Ray, noch als junge Feministin. Şahin war als Konglomerat aus „Andersartigkeit“ anwesend und als einzige Frau, die im Vorstellungstext Alice Schwarzer nicht ihre Dankbarkeit ausdrückt.
Şahin hat sich tapfer geschlagen, wobei ich bezweifeln würde, dass sie ihr Bestes zeigen konnte. Dies liegt einerseits an der gerade skizzierten Konstruktion der Talkrunde, aber auch am Verhalten der anderen geladenen Frauen.

Feministische Generationen

Ich werde fortfolgend zeigen, warum das Verhalten der „älteren“ Frauen auch generationsspezifisch ist. Es war definitiv auch bedingt durch Rassismus, schließlich war Şahin die einzige Woman of Color in der Runde und das hegemoniale Verhalten der anderen Frauen damit zu einem großen Teil von ihrem Weiß-sein bestimmt.

Inwiefern Zeitgeist sich in Zusammenhang mit Mehrfachdiskriminierungen auswirkt und damit Generationen prägt, hat mich beim Schreiben dieses Textes sehr beschäftigt. Leider bin ich zu keinem Ergebnis gekommen und würde mich somit über eine intersektionale Analyse des Generationenkonflikts sehr freuen.
Es wäre vielleicht besser gewesen, meine Generationenanalyse ausschließlich auf weiße Feministinnen zu beziehen. Doch Şahin passte für mich in ihren Argumentationsmuster so genau zu jungen weißen Feministinnen, dass ich sie nicht ausschließen möchte, in dem ich von ihr und jungen weißen Feministinnen spreche. Das hat jedoch die Tendenz übergriffig zu sein, denn vielleicht sind ihre Argumentationen viel mehr von Rassismuserfahrungen geprägt, als sie aus der gleichen Erfahrungswelt der jungen weißen Feministinnen stammen. Ich habe keine Lösung für dieses Dilemma. Vorschläge sind herzlich willkommen.
Ich habe mich dazu entschlossen, die jungen Feministinnen unabhängig von ihrer Hautfarbe darzustellen und die anderen Generationen als weiß zu benennen. Vielleicht passt meine Analyse für die älteren Generationen auch auf ältere Feministinnen of Color, aber dafür habe ich weder Beispiele noch die Erfahrungswelt. Vielleicht passt meine Analyse der jüngeren Feministinnen nicht auf jüngere Feministinnen of Color, deswegen bitte ich darum, diese Möglichkeit im Hinterkopf zu behalten.
Ich beziehe mich weiterhin ausschließlich auf die Feministinnen der jeweiligen Generationen, es geht also nicht um alle Menschen der jeweiligen Jahrgänge. Außerdem ist die Generation nicht für jede Feministin charakteristisch oder muss komplett zutreffend sein. Die Generalisierung der Generationen dient dem Verständnis füreinander, nicht um Einzelne vollständig zu definieren. Außerdem ist die Zuordnung der Generationen nach Jahrgängen nur eine Annäherung, es ist also möglich sich selbst in einer Generation wieder zu finden, die nicht dem eigenen Jahrgang entspricht.

Generationenzuordnung anhand der Talkrunde

Die „älteren“ Frauen sind Alice Schwarzer, Gisela Marx und Sonya Kraus, wobei Sonya Kraus eine besondere Position inne hatte. Während Schwarzer und Marx beide 1942 geboren wurde, ist Kraus, mit dem Jahrgang 1973, 31 Jahre jünger. Kraus ist somit nur knapp 10 Jahre älter als Şahin, die laut Wikipedia 1980 oder 1981 geboren wurde.
Den Schulterschluss übte Kraus jedoch in den Diskussionen, nicht mit Şahin, sondern mit Schwarzer und Marx. Nicht zuletzt, weil Şahin Kraus aus einer vermutlich für Kraus unerwarteten Ecke angriff: Die Kleidungswahl.

Die Kleidungswahldiskussion

Sowohl Kraus als auch Şahin spielen mit dem Verhältnis von Stoff zu Hautoberfläche in ihrer Kleidungswahl – zeigen also ab und zu viel Haut. Während jedoch für Kraus das Spiel nach eigener Aussage Vorteile bringen soll, geht es Şahin darum, sich so zu kleiden, wie sie möchte, ohne dass es Auswirkungen hat. Dementsprechend ist für Şahins Ziel wenig förderlich, wenn Kraus quasi einfordert, dass ihre Bekleidung, Vorteile bezwecken soll – schließlich werden Frauen immer noch in ihren Taten und Willen generalisiert („Aber anderen Frauen kleiden sich so, damit…. Also Du auch!“).
Şahins Position zur Kleidungswahl wird von vielen jungen Frauen geteilt, was sich z.B. an den Slutwalks zeigt. Theoretisch hätte Kraus also darauf vorbereitet sein können, war sie jedoch nicht. Weder Maischberger – die, als „Slutwalk“ von Şahin genannt wurde, nachfragte, was das sei – noch Kraus, waren damit vertraut. Unterstützende Worte fand Schwarzer für Kraus Kleidungswahlpolitik, während sie Şahins Kleidung nur herabsetzend (im Sinne von „belittle“) kommentierte.
Für die Generationenanalyse ist die Kleidungswahldiskussion scheinbar unbrauchbar, da doch Şahin und Kraus kaum 10 Jahre trennen. Es erscheint eine generationenunabhängige Sache zu sein, welche Position Kraus vertritt. Doch drehen wir die Perspektive von der Zustimmung zu Positionen weg, hin zu der Beachtung und Reflektion von jeweiligen Positionen ergibt sich ein anderes Bild.
Positionen Beachtung zu schenken und diese – auch für die eigene Positionierung – zu reflektieren, ist nicht nur „mit der Zeit gehen“ sondern auch eine Frage des Respekts. Unter Frauen – die auf Grundlage ihres Bezugs zu Schwarzer und Feminismus geladen waren – kommt es nicht von ungefähr, dass ich erwartet hätte, dass sie die jeweiligen Argumentationen zumindest in ihren Grundzügen kennen – ich habe den gegenseitigen Respekt vorausgesetzt.
Doch gerade die Positionen der „Jungen“ wurden von den älteren Frauen weder beachtet, noch reflektiert. Diese Form von Respekt wurde ihnen nicht gewährt. Kraus war erstaunt über die Kleidungswahldiskussion und Slutwalks waren nicht bekannt. Doch das beste Beispiel war die Pornografie-Diskussion:

Die Pornografie-Diskussion

Maischberger forderte Şahin auf, sich zur PorNo-Kampagne Schwarzers zu äußern. Şahin brachte darauf ein kritisches, aber nicht komplett ablehnendes Statement. Sie vertrat die Position eines wünschenswerten Pornos. Schwarzers Erwiderung darauf war, dass Şahin nur mit Worten spiele und es eindeutig sei, dass Pornografie „verharmlosende oder verherrlichende, deutlich erniedrigende sexuelle Darstellung von Frauen oder Mädchen in Bildern und/oder Worten“ sei. Die Idee ist also, über Wortdefinitionen den schlechten Porno von den guten Erotika zu trennen. Dieser Definition folgen jedoch nicht alle, z.B. PorYes. Dass Schwarzer Şahins Beitrag erst lächerlich macht, indem Schwarzer ihrem ernsthaften und differenziertem Statement Wortspielereien unterstellt, und dann die alleinige Definitionsmacht über den Pornografie-Begriff beansprucht, ist beleidigend und zeugt nicht von Respekt gegenüber Şahins Positionierung und denen, die Şahins Position teilen.
Es geht nicht darum, wer Recht hat. Es geht darum, wie mit Positionen Anderer umgegangen wird. Ich unterstelle, dass genau dieser Umgang eine Generationenfrage ist und dass Kraus qua Generation genau auf der Kippe steht. Es geht nicht darum, ob ein respektvoller Umgang mit anderen Positionen der Einzelnen möglich ist, sondern welchen dieser Respekt zugestanden wird.

Selbsteinordnung

Als 25-Jährige setze ich mich quasi natürlich mit den Positionen meiner Generation auseinander. Zudem habe ich viele ältere feministische Freundinnen und Bekannte und setze mich mit Theorie und Praxis der weißen Generationen auseinander. Diese stehen jedoch alle zumindest in Bezug zu Deutschland, sind zum größten Teil weiß, über 10% sind lesbisch, die Meisten sind cis und zumindest christlich geprägt, nur Wenig kenne ich Feministinnen und feministische Theorie in Bezug zu Behinderungen. Diese von mir konstruierte Realität spielt also für meine Perspektive eine Rolle und ich würde mich freuen zu erfahren, wie groß diese Rolle ist.

Generationenzuordnung nach Jahrgängen

In meiner Erfahrungswelt besteht ein deutlicher Unterschied zwischen

  • den Frauen, die die 2. Frauenbewegung mitgestaltet und erlebt haben (also die Jahrgänge ca. 1940-ca. 1965) – fortfolgenden ältere weiße Feministinnen genannt –,
  • denjenigen, die die „Früchte direkt geerntet“ haben (die Jahrgänge ca. 1966 – ca. 1975) – fortfolgend weiße Feministinnen der Zwischengeneration genannt –
  • und den Feministinnen, die jetzt und in den letzten Jahren (ca. ab 2005) die feministische Arbeit aufnehmen (die Jahrgänge ca. 1976-?) – fortfolgend jüngere Feministinnen genannt.

Die weißen Feministinnen der Zwischengeneration: Warum Kraus weder zu Schwarzers – noch zu Şahins – Generation gehört

Kraus ordne ich damit den weißen Feministinnen der Zwischengeneration zu. Die weißen Feministinnen der Zwischengeneration haben noch deutlich vor Augen, wie es „früher“ war, stehen in direkter Tradition zur 2. Frauenbewegung und wissen damit, was gewonnen wurde.
Ebenso nutzen sie die errungenen Freiheiten für den eigenen Erfolg und Spaß am Leben. Teilweise wirkt es so, also würden sie sich auf den Errungenschaften der 2. Frauenbewegung ausruhen, da sie diejenigen sind, die den neuen Möglichkeiten Leben verliehen haben. Sie waren vor allem diejenigen, die ohne feministischen Kampf mit der Gesellschaft um Rechte usw. gezeigt haben, was sich damit anfangen lässt, es ausprobiert haben, gestalteten, aber auch Problemen mit der neuen Gesellschaftsgestaltung ausgesetzt waren. Es ist also kein Ausruhen, sondern die notwendige Generation, die entdeckt hat, wie sich das Errungene leben lässt – mit allen Vor- und Nachteilen. Das theoretische, politische und rechtliche Repertoire war von den älteren weißen Feministinnen geprägt und somit erfolgte auch die Auseinandersetzung mit diesem.
Das erklärt, warum Kraus sich in positiven Bezug zu Schwarzer stellt, aber eben nicht auf Şahin vorbereitet war – denn in ihrer Sozialisation und Erfahrungswelt spielt Şahins Generation (noch) keine Rolle.
Da die jüngeren Feministinnen im Leben der weißen Feministinnen der Zwischengeneration keine Rolle spielen, reagiert die weißen Feministinnen der Zwischengeneration ähnlich auf jüngere Feministinnen wie die älteren weißen Feministinnen. Es fehlt die Notwendigkeit und das Verständnis für einen respektvollen Umgang mit deren Positionen und damit der Wille zur Auseinandersetzung.

Die jüngeren Feministinnen: Was Şahins Generation ausmacht

Die Inhalte der Positionen meiner und Şahins Generation sind eigentlich nicht die Ursache für den fehlenden Willen zur Auseinandersetzung, sondern dass wir in einer anderen Tradition stehen als die weißen Feministinnen der Zwischengeneration. Wir bauen nicht auf der Arbeit der älteren Feministinnen auf, sondern auf der der Zwischengeneration. Für unser Leben spielt es keine Rolle, ob früher der Ehemann über die Berufstätigkeit der Frau entscheiden durfte, sondern wir sehen die weißen Powerfrauen der Zwischengeneration und legen den Fokus auf die Missstände. Wir sind nicht bereit die Missstände hinzunehmen, weil wir endlich mehr Chancen auf ein gleichberechtigtes Leben haben. Wir sehen das Leben der weißen Feministinnen der Zwischengeneration und denken „Dies will ich nicht!“, „Das will ich nicht!“, „Das ist Scheiße!“ und „So spiele ich nicht mit!“. Warum sollten wir uns in Bezug zum Leben unserer Großmütter setzen? Das ist längst vorbei, wir setzen uns mit dem Leben auseinander, wie wir es jetzt vorfinden – und jetzt ist eben nicht alles gut. Das wissen auch die weißen Feministinnen der älteren Generationen, doch deren erlebte Erfahrungswelt sagt eben „Das ist besser!“, während wir nur einen historischen Bezug zum „besser“ haben. Für uns ist „Scheiße“ was für die älteren weißen Feministinnen und die weißen Feministinnen der Zwischengeneration „besser“ ist.
So reduziert erscheint es nur eine minimale Hürde zu sein, doch das ist es nicht. Wir verlangen den älteren weißen Generationen ab, ihr Erreichtes nicht als Verbesserung zu klassifizieren, sondern als Bockmist. Natürlich wissen auch wir, dass die älteren Generationen nichts verschlechtert haben, aber in unserer Weltwahrnehmung, die eben nicht auf „früher“ basiert, sind es verbesserte Müllberge. Wir wollen nicht im Müll leben, auch wenn er weniger geworden ist.
Wenn also Şahin Kraus dafür kritisiert, dass sie die Objektivierung ihres Körpers als Subjekt zu nutzen weiß, sieht Şahin eben nicht die Errungenschaft des selbstbestimmten und machtvollen Umgangs mit dem eigenen Körper. Sie sieht den gesellschaftlichen Umgang mit Frauenkörpern, der klassifiziert, objektiviert und sich an Männern ausrichtet. Dass Kraus über ihre Kleidungswahl selbstbestimmt über die mediale Sexualisierung und Objektifizierung ihre Körpers entscheiden kann, ist eine Verbesserung – eine Verbesserung am Müllberg.
Es ist schlimm, dass in Pornografie Gewalt an Frauen verharmlost wird. Das z.B. über PorNo und eine benennende Pornografiedefinition zu zeigen, ist eine Verbesserung, aber eine Verbesserung am Müllberg.
So radikal formulieren wir unsere Kritik an der Gesellschaft in der Regel nicht, denn wir wissen, was vorige Generationen geleistet haben und wollen ihnen dafür den Respekt und die Anerkennung zollen, der ihnen definitiv gebührt. Der Müllberg wurde nicht von der Frauenbewegung geschaffen, der Müllberg ist das Patriarchat, der sich dank der Frauenbewegung zu hegemonialer Männlichkeit gewandelt hat. Damit können wir besser arbeiten, aber wir wollen auch die hegemoniale Männlichkeit nicht. Diese abzuschaffen heißt eben sich auch kritisch mit ihrer Entstehung auseinanderzusetzen und damit mit den Errungenschaften der älteren weißen Feministinnen und der Zwischengeneration. So sehr wir die älteren Generationen für Ihre Arbeit feiern wollen, so sehr können wir dafür nicht die Kapazitäten aufbringen, denn wir haben noch so viel zu tun. Wir brauchen unsere Kraft, um die Arbeit fortzusetzen, den Müllberg abzutragen, eine Gesellschaft zu erschaffen, die nicht nur besser ist, sondern so ist, wie die Frauenbewegung sie seit Generationen gewollt hat.

Die jüngeren Feministinnen in Bezug zu vorherigen Generationen

Ich glaube, dass das insbesondere den älteren weißen Feministinnen weh tut, aber auch der Zwischengeneration, denn statt erwarteter Anerkennung in Massen arbeitet sich meine Generation an der erfolgreich veränderten Gesellschaft ab. Es ist schwer in der Kritik der jüngeren Feministinnen die Konstruktivität zu erkennen. Nicht weil wir tatsächlich sagen, die Errungenschaften seien Müll, sondern weil wir sagen, dass wir zwar positive Seiten an dieser und jener Errungenschaft sehen, aber…! Das „aber“ trifft mehr als die Nennung von Positivem. Kritik trifft härter als Anerkennung gut tut. Kritik ist etwas, dass lieber verdrängt wird und Anerkennung ist etwas, das leicht überhört wird.
Das ist der Grund, warum jüngere Feministinnen häufiger als undankbar skizziert werden, unseren Positionen weniger Respekt gezollt wird, denn unser Respekt kommt emotional nicht an. Vielleicht kommt z.B. unsere Kritik an PorNo zu früh, vielleicht braucht die Kampagne noch 10 Jahre für ihre volle Entfaltung. Doch wir können nicht abwarten, ob die Nachwirkungen der 2. Frauenbewegung irgendwann die Gesellschaft schafft, die wir wollen. Genauso wenig wie die älteren weißen Feministinnen warten konnten, ob durch das von der 1. Frauenbewegung erkämpfte Frauenwahlrecht auch irgendwann die richtige Gesetzgebung kommt.
Şahin war einerseits darauf angewiesen, sich kritisch zu den Positionen der Anderen zu stellen, versuchte aber gleichzeitig konstruktiv zu sein. Kraus reagierte auf Kritik überrascht, aber längst nicht so aggressiv wie Schwarzer in der Pornografie-Diskussion. Dies liegt auch daran, dass Schwarzer einer anderen feministischen Generation angehört.

Die älteren Feministinnen

Schwarzer und Marx wurden anders sozialisiert, und mit dieser Sozialisation prallen Welten aufeinander, wenn sie auf die Positionen der jüngeren Feministinnen treffen. Der Unterschied besteht in der Einstellung zu Bevormundung. Daher werde ich zunächst beschreiben, was Bevormundung ist, wozu sie gut ist und wie sie funktioniert. Danach kehre ich zu den älteren weißen Feministinnen zurück.

Bevormundung

Bevormundung steht hier einerseits für eine Methode und andererseits für eine grundlegende Einstellung. Bevormundung bedingt, ob ich es für eine gute Idee halte, anderen Frauen zu sagen, wie sie leben sollen. Doch Bevormundung ist auch eine effektive Methode, denn sie funktioniert in einem gewissen Rahmen gerade bei Frauen auch heute noch sehr gut.
Ich organisiere ab und zu die Wahlen der Studentinnen an der Uni Mainz. Das Beste was ich an der Urne zu Steigerung der Wahlbeteiligung machen kann, ist passierende Studentinnen anzusprechen, die zu einem erstaunlich großen Teil stehen bleiben, und sie nur dann zu „entlassen“, wenn sie Nein zur Wahl sagen. Unglaublich viele gehen lieber wählen, als mir zu sagen, dass ich mich aufführe wie ein riesiges Arschloch, oder auch nur „Nein“.
Das Problem liegt in der Sozialisation und damit in den Vorstellungen von Höflichkeit. „Nein“ zu sagen, gilt als unhöflich. Auf Ansprache nicht zu reagieren, gilt als unhöflich. Menschen zu sagen, dass sie sich schlecht benehmen, gilt als unhöflich. Frauen sind es zudem gewohnt auf „Unhöflichkeiten“ Aggressionen seitens der Mitmenschen zu ernten. Höflich zu sein hat also auch eine Schutzfunktion. Ich spekuliere also an der Urne auf Sozialisationstendenzen, die mir erlauben meine Kommilitoninnen zu bevormunden. Bevormundung ist ein perfides System, denn ich muss gar keine Strafen androhen, es reicht wenn die bevormundete Person glaubt, dass ich das darf.

Das ist ein Beispiel aus dem Jahr 2011, es hat sich viel getan seit den Anfängen der 2. Frauenbewegung. Inzwischen verstehen Viele – vor allem Feministinnen – warum mein Verhalten an der Urne nicht in Ordnung ist. Doch wie sah das vor 30-40 Jahren aus?
Bevormundung zu benennen, sie als Methode zu erkennen und/oder als schlecht zu beurteilen, ist einerseits eine Einstellungs- und andererseits eine Erfahrungsfrage. Es ist schwierig, auf die Methode zu verzichten, wenn erst einmal erfahren wurde wie effektiv sie ist. Warum sollte ich die Zielerreichung der Steigerung der Wahlbeteiligung gefährden, nur um tatsächlich höflich zu sein? Das gestärkt gewählte AlleFrauenreferat kann sich ja dann darum kümmern, dass die Studentinnen „Nein“ sagen lernen. Doch so läuft’s halt nicht. Soll sich das AlleFrauenreferat etwa hinstellen und sagen „Ihr müsst „Nein sagen“ lernen!“? Das wäre ein logisches Paradoxon, das einfacher an der Aufforderung „Gehorcht mir nicht!“ zu verstehen ist, denn wenn ich der Aufforderung gehorche, erfülle ich die Forderung nicht und wenn ich ihr nicht gehorche, auch nicht.

Zurück zu den älteren weißen Feministinnen

Ich vereinfache die Geschichte jetzt radikal. Vereinfachung heißt, dass es natürlich nicht so war. Die Vereinfachung dient mir dazu, eine Facette der Geschichte hervorzuheben. Stellen wir uns also die Anfänge der 2. Frauenbewegung in etwa so vor:
Ein paar Frauen erkennen die gesellschaftlichen Missstände bezüglich Frauen. Jetzt wollen sie andere Frauen davon überzeugen, diese Missstände auch zu sehen und als überaus wichtig anzusehen. Doch die anderen Frauen haben sich ganz gut in der Gesellschaft eingerichtet, wie also sind sie zu mobilisieren? Der einfachste Weg ist ihnen zu sagen, dass sie keine Ahnung haben und sie nicht ihren eigenen Einschätzungen, nicht ihren Vätern, Müttern und Ehemännern gehorchen sollen, sondern den initiierenden Frauen. Fertig.
Das fortfolgende Problem mit dieser Methode ist, dass die initiierenden Frauen mit ihrer Sicht auf die Gesellschaft nicht nur richtig lagen, sondern natürlich aufgrund der Machtposition auch gesagt wurde, dass sie richtig lagen und somit glauben, alles richtig gemacht zu haben. Würde ich auch – doch weder die initiierenden noch die anderen Frauen haben gelernt, dass Überzeugungsarbeit anders aussieht, dass sie ein Recht darauf haben, nicht bevormundet zu werden. Die Idee ist eben nicht, der richtigen Anführerin hinterher zu laufen, sondern Selbstermächtigung – Empowerment – Vertrauen zu sich selbst – Auseinandersetzung und Reflektion statt Bevormundung.
Insbesondere jüngere Feministinnen wollen die Bevormundung nicht mehr – weder als Methode noch in ihren Einstellungen. Besonders deutlich wird dies z.B. in der Einstellung zu Prostitution: Gerade jüngere Feministinnen – egal was sie von Prostitution im Allgemeinen halten und egal wie ausgrenzend sie sich gegenüber Sexarbeiterinnen verhalten – würden sich lieber ein Bein ausreißen, als sich anzumaßen darüber zu bestimmen, wie Prostituierte sich fühlen sollten, ihren Job sehen sollten usw. Während ältere weiße Feministinnen sich durchaus in der Lage sehen zu sagen, dass Prostituierte gar nicht einschätzen können, ob der Job gut für sie ist… da Gesellschaft, Sozialisation etc.
Wird diese Position geäußert, gehen jüngere Feministinnen gerne in die Luft und zwar nicht, weil sie bezweifeln, dass eine sexistische Gesellschaft Menschen prägt, sondern weil die Bevormundung von Frauen nicht in Ordnung ist. Doch die älteren weißen Feministinnen sehen das Problem nicht und reagieren daher gar nicht auf die Bevormundungskritik, sondern auf vermeintlich Inhaltliches zum Thema – was jüngere Feministinnen noch mehr in Raserei bringt, da die älteren Feministinnen nicht für einen Moment mit der Bevormundung aufhören. Praktisch handelt es sich um ein Missverständnis. Dies zeigt sich auch eindrucksvoll an der Kopftuch-Diskussion bei Maischberger.

Die Kopftuch-Diskussion

Vorweg: Schwarzer hat sich in dieser Diskussion wirklich stark darum bemüht, aus ihrem antimuslimischen Rassismus pauschalen Rassismus zu machen. Vielen Dank an Şahin für ihre Bemühungen, ihr Durchhaltevermögen und ihr Insistieren darauf, dass Schwarzer Ihren Rassismus auf Deutschland und Menschen mit muslimischen Glauben beschränken möge (Innerdeutschen Rassismus findet Şahin sicherlich auch nicht gut, aber dann wüsste man wenigstens, womit man bei Schwarzer anfangen könnte) . Die deutsche Frauenbewegung hat ein Rassismusproblem und Schwarzer baut es aus statt ab. Just my 2 Cents.
Şahin hat ihre Doktorarbeit zu Kopftüchern geschrieben und dazu mit Kopftuchträgerinnen über Kopftücher gesprochen. Nach dieser Arbeit von Maischberger befragt, gibt also Şahin an, dass es „das Kopftuch“ als solches nicht gibt und es mit individuellen Bedeutungen versehen wird – die meistgenannten Bedeutungen waren religiös, die wenigsten „Unterdrückung“. Schwarzer entgegnet darauf, dass Şahin die subjektiven Bedeutungen untersucht habe, wozu Şahin ihr zustimmt. Dann kommt Schwarzers pauschalisierender Rassismus, u.a. mit der Aussage, dass Schwarzer Şahins familiären Hintergrund aus Studien kenne und der bemerkenswerten Aussage „Wer weiß das denn, wenn nicht ich.“ (wortwörtlich zu irgendetwas, dass Muslimas betrifft). Schwarzer macht folgend das Statement, dass das Kopftuch objektiv Zeichen der Unterdrückung ist. Nochmal ausdrücklich: Şahin kennt die subjektive Bedeutung (von beiden Seiten zugestimmt) und Schwarzer die objektive.
Şahin erklärt darauf, dass Schwarzer mit dieser Stigmatisierung den (muslimischen) Frauen keinen Gefallen tue und dass diese Pauschalisierung gerade für eine Feministin kein richtiges Verhalten sei. Jetzt steigt Marx in die Diskussion ein und gibt an, sich ein bisschen für die Sendung mit dem Thema beschäftigt zu haben. Auf Grundlage dieser minimalen Beschäftigung mit dem Thema findet sie, dass der Disput zwischen Şahin und Schwarzer zwischen zwei verschiedenen Einstellungen bestehe: Der toleranten Haltung und der politischen Haltung, die für die Gleichstellung „der muslimischen Frau“ kämpfe. Şahin: „Warum verschiedene?“, es müssen alle Frauen in Deutschland berücksichtigt werden. Die Diskussion endet mit der absurden Situation, dass Schwarzer und Şahin sich darum streiten, wer mehr muslimische Frauen kennt – in Form von „Ich kenne mehr.“ (Schwarzer) – „Das glaube ich nicht!“ (Şahin) – „Das glaube ich für Sie mit!“ (Schwarzer). Marx spricht die Schlussworte dieser Diskussion mit der Aussage, dass die Gleichbehandlung von Frauen nicht zur interkulturellen Verhandlungsmasse gemacht werden könne.
Gründlicher missverstehen konnten sich die Parteien nicht und das liegt daran, dass die Frage nach Subjektivität, Objektivität und Bevormundung nicht geklärt wurde – weder die Konstruktion der Begriffe noch der Bewertung dieser. Die Frage wurde nicht geklärt, da alle Seiten davon ausgehen und eigentlich sogar ausgehen müssen, dass sie die Begriffe gleich einschätzen und somit eine fundierte Diskussionsgrundlage sind.

Das liegt daran, dass die jüngeren Feministinnen davon ausgehen müssen, dass allein auf Grundlage der gemeinsamen Feministin-Selbstbezeichnung sie alle Betroffenheitspolitik machen. Betroffenheitspolitik heißt, dass sie keinen Abstand zur politisch behandelten Gruppe haben und somit natürlich alle Aussagen subjektiv sind. Die Frauenbewegung hat hart dafür gestritten, dass gerade diese Subjektivität und Betroffenheit wesentlich für die richtige Frauenpolitik ist – wer sollte wissen, was richtig für uns ist, wenn nicht wir? Weiterhin: Es gibt keinen Abstand zur Gesellschaft den Menschen schaffen können, um die überhöhten Maßstäbe der Objektivität zu erfüllen: Alle Geschlechter sind von Frauen- und Geschlechterpolitik und der Gesellschaftsgestaltung betroffen.
Bis dahin dürften Feministinnen aller Generationen mitgehen. Doch jetzt driften die Schlussfolgerungen daraus zwischen den Generationen auseinander:
Während ältere Feministinnen daraus schließen, dass Objektivität anders definiert werden muss, werten die jüngeren Feministinnen die Subjektivität auf. Für ältere Feministinnen ist Objektivität die Metaebene der Politik, in der das Individuum keine Rolle spielt, sondern ausschließlich auf die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen geschaut wird. Für jüngere Feministinnen steht die Freiheit des Individuums in seiner Subjektivität im Vordergrund.

Verkürzt am Beispiel des Kopftuchs:

Auf der Metaebene der weltweiten Politik wird das Kopftuch auch dazu verwendet, Frauen die freie Kleidungswahl zu verweigern. Es gibt Muslimas, die das Kopftuch gar nicht oder nicht immer und überall tragen. Um die vermeintliche Unterdrückungsbedeutung des Kopftuchs auszugleichen, sollen Schulen kopftuchfreie Zonen sein – was auf der politischen Metaebene kein Problem ist, da es Muslimas gibt, die nicht (immer) Kopftuch tragen. Auf der politischen Metaebene ist das ein möglicher Schluss, denn sie kümmert sich weder um das Individuum noch um eine tatsächliche Freiheit. Politik ist eine Annäherung an eine gesamtgesellschaftliches „Richtig!“. Politik setzt „Freiheit“ Rahmen und hat damit die Aufgabe zu bevormunden – Entscheidungen für alle Menschen und gesellschaftlichen Gruppen zu treffen. Im politischen Streit geht es nicht um das „ob“ des Rahmens, sondern wie eng oder weit dieser sein soll.
Die älteren weißen Feministinnen fokussierten in ihrem Begehren die Gestaltung des Rahmens, insbesondere in Form der Gesetzgebung. Abtreibung, die Berufstätigkeit von verheirateten Frauen, Vergewaltigung in der Ehe etc. waren verstärkt legislative (die Gesetze betreffende) Fragen. Sie setzen diesen Weg heute fort, indem sie über Gesetze zum Kopftuch nachdenken – ganz verbieten oder teilweise…
Insbesondere jüngere Feministinnen fokussieren jedoch das Individuum, in seinen jeweiligen Bedürfnissen, Lebensumständen, gesellschaftlichen Kontexten, die „unabhängig“ von der Politik sind. Es geht weniger um die juristischen als um die sozialen Konsequenzen und Gegebenheiten. Wenn Şahin in der Kleidungswahldiskussion fordert, dass sie ihre Kleidung unabhängig von unterstellten Implikationen aussuchen will – wie es auch die Slutwalks fordern – geht es eben nicht darum, dass Menschen, die Şahin wegen ihrer „aufreizenden“ Kleidungswahl bewundern, dafür Haftstrafen bekommen (legislativ natürlich möglich, der Nachweis dieser neuen Straftat wäre nur schwierig). Es geht darum, die positive Einstellung der Gesellschaft zur Objektivierung von Frauen zu ächten.
Doch wie wird die Gesellschaft verändert, wenn es nicht primär um legislative Fragen geht? Wie verändert sich ihre Philosophie, ihre Einstellungen? Wie erkläre ich meinen Sitznachbarn im Bus, dass mir die Hälfte des Fußraums zusteht und wie schaffe ich es, dass ich es nie wieder erklären muss? Wie schaffe ich es, dass alle Menschen davon ausgehen, dass ich meine Kleidung nach individuellen Kriterien gewählt habe und nicht nach unterstellten sozialen Codes? Insbesondere an letzterer Frage wird deutlich, dass legislative Verbote von Kleidungsstücken, eben nicht die Individualität stärken, sondern die vermeintlichen sozialen Codes pushen.

Meine Erfahrung mit dem Kreuz der sozialen Codes

Als ich ein Teenie war, hatte ich mich bereits von meinem katholischen und auch anderweitig christlichen Glauben getrennt, aber ich hatte mir einen riesigen, neongelben Kettenanhänger in Form eines Kreuzes gekauft – das Teil war einfach zu scharf. Als ich ihn erwarb dachte ich, dass mich die verbreitete Lesart „Christin“ nicht interessieren müsse – doch das hielt ich nicht lange durch. Allein die Vermutung, dass mich Menschen für eine Christin halten könnten, verleideten mir dieses „gewagte“ Kleidungsstück. Hätte ich davon ausgehen können, dass mich meine Mitmenschen offen nach dem Anhänger fragen würden, hätte ich mit diesem Anhänger mein „Bin ich cool!“-Gefühl leben (Hey! Ich war ein Teenie! Das war wichtig!) und eventuell viele spannende Diskussionen führen können, z.B. ob es „ok“ ist, Symbole zweckentfremdet zu nutzen oder Folterinstrumente als Accessoire zu verwenden.
Übrigens habe ich mit Neun noch in tiefem Glauben die heilige Erstkommunion mitgemacht und bekam von meiner Oma eine goldene Kette mit einem kleinen Kreuz dran. Als meine Cousine ein paar Jahre später dran war, wünschte sie sich eine ebensolche Kette, nur mit einem kleinen Tischtennisschläger. Sie ist immer noch Christin, ich Agnostikerin. Vermutlich dürfte sie interessante Gespräche führen, wenn sie nach ihrem kleinen, goldenen Tischtennisschläger gefragt wird.
Ich erzähle diese Geschichten nicht, weil ich sie für außergewöhnlich halte. Der Umgang und die Bedeutungsgebung mit symbolträchtigen Gegenständen ist so unterschiedlich, wie die Menschen, die sie verwenden. Ich glaube, dass alle mindestens eine solche Geschichte auf Lager haben. Ich könnte genauso gut von meinen Dreadlocks, der ersten Reihe meiner Bücherregale oder meiner Barbour-Jacke erzählen.

Soziale Codes und das Individuum

All diese Geschichten zeigen: Der Glaube daran, dass es eindeutige Codes gibt und mit den Symbolen der Codes pauschal umgegangen werden kann, verkennt die Situation und die Menschen. Wird dieser Glaube gepusht, wird es für alle Menschen schwieriger Individuum zu sein und als solches erkannt zu werden. Zudem: Wenn einer Pauschalisierung die Tür aufgemacht wird, kommen andere mit rein – dieser gedankliche Weg öffnet anderen Fehlschlüssen „Tür und Tor“.
Erst das Subjekt kann über das eigene Leben und die eigenen Entscheidungen Aufschluss geben und damit ist die subjektive Perspektive unglaublich wertvoll. Gerade für die Subjektivität stehen jüngere Feministinnen ein, denn erst wenn die Gesellschaft nicht mehr mit Vorurteilen über Weiblichkeit, Kopftücher, Kreuze, Hautfarbe, Normalität, Autorität, Zurechnungsfähigkeit etc. belastet ist, kann eine Frau einfach ein Mensch sein. Erst das vernichtet den Müllberg.

Subjektivität. und alle so yeah

Die Subjektivität zu erstreiten passt zur Betroffenheitspolitik der Frauenbewegung wie „Arsch auf Eimer“. Es ist schwierig sich vorzustellen, dass Feministinnen Betroffenheit nicht als notwendiges Kriterium für den Wahrheitsgehalt einer Aussage setzen. Nicht als einziges, aber als ein notwendiges und wichtiges Kriterium.
Es kommt eben nicht darauf an, ob das Kopftuch als Unterdrückung gelesen werden kann, sondern wie das Individuum dazu steht. Erst im Gespräch erfahre ich die Symbolbedeutung und nur über die subjektive Bedeutung kann ich diskutieren. Selbst wenn mir die subjektive Bedeutung nicht gefällt, darf ich die Person nicht bevormunden, sondern höchstens versuchen, sie von meiner Einstellung zu der Bedeutung zu überzeugen. Das geht aber nicht, wenn ich ihr abspreche, die Entscheidung treffen zu können – also wenn ich mich zur Autorität ernenne und bestimme.

„Wer weiß das denn, wenn nicht ich.“

Es braucht das Ego einer Schwarzer, um die Aussage „Wer weiß das denn, wenn nicht ich.“ zu einem Thema zu bringen, insbesondere wenn eine_r selbst nicht betroffen ist. Doch die Idee einer Objektivität auf Grundlage von Bildung, Abstand oder Sonstigem teilen wir alle ab und zu. Zum Beispiel glauben wir ab und zu gerne, dass wir besser wissen, was gut für Menschen in unserem engeren sozialen Umfeld ist. Doch gerade im privaten Freund_innenkreis wissen wir auch, dass diese „Objektivität aus Abstand“ zwar im respektvollen Umgang miteinander durchaus gerne gehört werden kann, aber eben nicht als Befehl funktioniert.
Aus nicht-feministischen Umfeldern wissen auch jüngere Feministinnen, dass jedoch gerade die vermeintliche Objektivität höher geschätzt wird als die Subjektivität. Deswegen kämpfen jüngere Feministinnen genau dafür, z.B. mit den Slutwalks. Doch innerhalb eines feministischen Kontexts trifft es uns unerwartet, denn wir schließen aus der gemeinsamen Betroffenheitspolitik den Wert von Betroffenheit und damit das gemeinsame wichtige und notwendige Kriterium subjektive Erfahrungen mit dem jeweiligen Thema zu haben.

Objektivität als Methode

Doch gerade weil im Mainstream-Diskurs Objektivität immer noch höher geschätzt wird als Subjektivität (und die Wenigsten wissen, dass es Objektivität nicht wirklich gibt), ist „sich den Anschein von Objektivität zu verleihen“, eine Methode, um Menschen zu erreichen. Früher noch viel mehr als heute.
Doch wie oben schon erwähnt ist es genauso möglich, Objektivität einfach nicht als absolut zu definieren. Hätte die bisherigen Frauenbewegung sich nicht auf Diskussionen wie „Ist es wirklich besser für die Welt, wenn Frauen auch wählen dürfen?“ eingelassen, sondern einfach nur immer und immer wieder wiederholt, dass Frauen eben auch Menschen sind, hätten Frauen heute wahrscheinlich kein Wahlrecht. Auch heute noch werden „objektive“ Studien erstellt, inwiefern Frauen für den Arbeitsmarkt geeignet sind und/oder Unternehmen bereichern. Auch wir jüngeren Feministinnen lassen uns ab und zu auf diese „die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt“-Diskussionen ein. Das Einlassen auf solche Diskussionen ist ein Einlassen auf das Kriterium „Objektivität“. Für die politisch-legislative Gestaltung ist dies also durchaus wichtig, aber den jüngeren Feministinnen geht es heute nicht mehr primär um diese. Sicherlich: Einige Gesetze müssen verbessert werden, aber jetzt geht’s um den Inhalt der Köpfe der Menschen.
Alle Menschen müssen lernen, dass Menschen Subjekte und keine Belegexemplare aus Studien sind. Dank Schwarzers Ego hat sie genau das sehr deutlich gesagt: Für Schwarzer ist Şahin ein Belegexemplar aus Studien, daher kennt Schwarzer auch ihren familiären Hintergrund aus Studien. Wir machen alle Ähnliches wie Schwarzer, nur drücken wir es nicht so deutlich aus: Wir schließen von Hautfarbe auf Deutschkenntnisse, von Migrationshintergrund auf Kultur, von Geschlecht auf Verhalten, von Religion auf Einstellungen, von „Normalität“ auf Sexualität. Wir konstruieren vermeintliche Mehrheiten und ordnen dann Menschen nach Wahrscheinlichkeit zu.

Abbruch des Spiels „Befreiung durch Bevormundung“

Damit ich und alle anderen nicht mehr als Belegexemplare gesehen werden, können wir uns nicht mehr erlauben, Politik nach vermeintlichen Mehrheiten oder einer konstruierten Normalität zu machen. Es war wichtig, für das Recht auf Abtreibung zu kämpfen und dies als „wichtig für alle Frauen“ zu klassifizieren, denn ohne das wären die „Ojektivitätsansprüche“ nicht erfüllt gewesen. Doch jetzt müssen wir benennen, dass es diese Objektivität nicht gibt, dass das Recht auf Abtreibung weder für alle Frauen wichtig war, noch dass durch dieses Recht es für alle nur eine Möglichkeit sondern eine „Pflicht“ aus Perspektive der Gesellschaft wurde (z.B. für behinderte Frauen). Wir müssen jetzt das Individuum stärken! Wir müssen dafür sorgen, dass wir einen Menschen kennenlernen und nicht denken „Ah, weiß, weiblich, cis, Hetera, emanzipiert, deutsch…“ sondern fragen „Wie heißt Du und wer bist Du?“. Nicht eine Sekunde länger will ich dulden, dass ich die als Gedanken formulierte Vorurteilsreihe ohne langes Nachdenken bilden kann. Ich will, dass das nie wieder einfach verstanden wird! Erst dann kann ich sicher sein, dass ich als Frau einfach als Mensch empfunden, gelesen und verstanden werde.

Gerade weil die Frauenbewegung sich auf das Objektivitätsspiel eingelassen hat, konnte sie so viel erreichen, aber genau deswegen hat sie auch ein Rassismusproblem und genau deswegen, ist der Müllberg noch nicht vollständig abgetragen.
Vielleicht ist es zu früh für diese gesellschaftliche Revolution. Vielleicht wäre es kurzfristig besser für die Mehrheit der Frauen, wenn Stöckelschuhe verboten werden würden – vielleicht wären viele froh über die erzwungene Freiheit.
Doch erzwungene Freiheit ist keine Freiheit. Wir wollen, dass Menschen aufgrund ihres Willens Entscheidungen treffen und nicht weil Gesellschaft, Gesetz, Familie oder Freund_innen es bestimmen! Es gibt keine Befreiung durch Bevormundung, Bevormundung ermöglicht nur ein „besser!“.
Jetzt ist der Zeitpunkt den Fokus auf das Individuum zu legen! Vielleicht sind wir nicht schnell genug, dass jede einzelne unterdrückte Person sich aus der Bevormundung befreien kann. Aber wenn wir jetzt nicht anfangen Bevormundung zu stigmatisieren und das Spiel „Befreiung durch Bevormundung“ abzubrechen, müssen wir es zu einem späteren Zeitpunkt tun: Wir müssen irgendwann die Konsequenzen in Kauf nehmen, fangen wir also lieber früher als später an.

Wir, die (weiße?) Frauenbewegung

Wir jüngeren Feministinnen stehen klar in der Tradition der Frauenbewegung. Ohne die Arbeit der älteren weißen Feministinnen könnten wir uns nicht an der Zwischengeneration bewusst machen, wie der Müllberg noch beschaffen ist. Ohne die Frauenbewegung gäbe es nicht die Möglichkeit darüber nachzudenken, wie es zu erreichen ist, dass Frauen einfach nur Menschen sind. Aber eben weil wir jüngere Feministinnen die logische Folge aus der vorher geleisteten Arbeit sind, verstehen wir nicht, dass mit der anderen Erfahrungswelt der älteren weißen Feministinnen und der weißen Feministinnen der Zwischengeneration ein Unverständnis für unsere Weltsicht einhergeht. Da es für uns nur ein historisches „besser“ gibt und kein emotionales, kein erlebtes.
Wir müssen anfangen zu verstehen, worauf ältere weiße Feministinnen und die weißen Feministinnen der Zwischengeneration sich beziehen, wie ihre Welt aussieht. Wir müssen dafür sorgen, dass Şahin in der Talkrunde sagen kann: „Frau Schwarzer, lassen sie uns doch bitte erst einmal darüber diskutieren, welchen Wert wir Subjektivität und Objektivität beimessen“, statt sich in eine aus Missverständnissen heraus absurde Diskussion zu werfen. Doch das können wir nicht allein.
Die älteren weißen Feministinnen und die weißen Feministinnen der Zwischengeneration müssen dazu bereit sein. Die Frauenbewegung muss wieder ein „wir“ werden, damit „wir“ eine Gesprächsgrundlage bilden können und „wir“ uns gegenseitig respektieren. Doch „wir“ jüngeren Feministinnen können das nicht aus „uns“ heraus konstruieren, die älteren weißen Feministinnen und die weißen Feministinnen der Zwischengeneration muss dafür bereit sein, „uns“ zuzuhören, „unser“ Lob genauso ernst zu nehmen, wie „unsere“ Kritik.
Ich weiß, dass insbesondere ältere weiße Feministinnen dazu neigen, eine Version von „Dafür bin ich schon zu alt“ zu bringen und den eigenen Rückzug zu erwägen, um den Staffelstab an junge Feministinnen zu übergeben. Doch es gibt keinen Ruhestand von sozialer Verantwortung, keine Rente von der Frauenbewegung!

Erste Schritte für weiße Feministinnen

Die folgenden Vorschläge sind nur für weiße Feministinnen, ebenso wie für Feministinnen mit anderen Diskriminierungserfahrungen. Ich will mir nicht anmaßen, Verhaltensvorschläge für Menschen zu machen, die anderem ausgesetzt sind als ich:

Vorschlag für die ersten Schritte der jüngeren weißen Feministinnen zur Herstellung eines erneuten Wir-Gefühls in der Frauenbewegung:

1. Sie haben unsere Welt erschaffen. Alles was wir sein können, alles was wir denken können, beruht auf ihrer Vorarbeit.
2. Ihre Fehler sind die unseren. Wir werden in die gleichen Fallen tappen, wenn wir das nicht anerkennen.
3. Nicht ohne sie, sondern mit ihnen. Dialog und Diskussion statt Abgrenzung und Vereinzelung. Gemeinsam sind wir nicht nur mehr, sondern auch stärker.
4. Nicht annehmen, sondern wissen. Jede Feministin ist anders, daher müssen auch vor jeder Diskussion die Grundlagen geklärt werden.
5. Nicht bevormunden, sondern überzeugen. Auch wenn wir Recht haben, müssen wir trotzdem erst überzeugen.

Vorschlag für die ersten Schritte der älteren weißen Feministinnen und der weißen Feministinnen der Zwischengeneration zur Herstellung eines erneuten Wir-Gefühls in der Frauenbewegung:

1. Fühlt unseren Schmerz. Ihr habt uns versprochen, dass wir Menschen sind und das Versprechen wurde noch gar nicht erfüllt. Die Gesellschaft liest uns immer noch als Frauen, nicht als Individuum.
2. Hört unser Lob und unsere Dankbarkeit. Wir machen das zwar nicht so ausführlich, wie ihr es verdient habt, aber wir loben und sind dankbar.
3. Erkennt unsere Erfahrungswelt an. Ihr habt unsere Erfahrungswelt geschaffen. Leugnet sie nicht, indem ihr uns abverlangt, uns auf Eure Erfahrungswelt zu beziehen.
4. Seht die Vorteile unserer Generation. Wir können das „Besser“ nicht fühlen. Unsere Wut kennt keine Relation.
5. Nutzt Eure Weisheit. Ihr hattet mehr Zeit zu lernen und Erfahrungen zu machen, wir müssen das jetzt „nachholen“. Ihr könnt schneller lernen, was uns bewegt, als wir lernen können, was Euch schon alles bewegt hat.
6. Nehmt uns ernst. Wir sind nicht eine jüngere Version Eurer selbst, wir werden einen anderen Weg gehen – genau wie ihr nicht den Weg Eurer Mütter gegangen seid.