Archiv der Kategorie '(Un)freiwillige Demonstrationsobjekte'

(Un-)Freiwillige Demonstrationsobjekte:

Luise F. Pusch, Kiturak, irgendeine userin und Anna-Sarah

Mit einer Diskussion zwischen Luise F. Pusch (fortfolgend lfp), Kiturak, irgendeine userin, Anna-Sarah und einer paar anderen auf dem Blog „Laut & Luise“ von fembio.org möchte ich eine neue Reihe beginnen. In dieser Reihe werde ich versuchen Diskussionen zu analysieren, die ich oder Beteiligte mit einem feministischen Generationenkonflikt in einem Zusammenhang sehen.

In diesem ersten Fall wurde gleich mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass ein „Generationencrash“ vorliegen könnte: Kiturak artikulierte, dass sie sich vorkomme wie ein „wie ein unfreiwilliges Demostrationsobjekt“ (Disk. auf fembio.org, Kommentar „kiturak on 10/23 at 12:58 PM“) für meine Analyse feministischer Generationen und auf Kituraks Blog, unabhängig von Kituraks Verweis, auch von jay die Aussage, dass es „so eine Generationssache sein“ könne (Link zu jays Kommentar).

Grundlage der Kommentardiskussion war lfps erster Teil ihrer Kritik am Gender_Gap. Nach meiner Lesart prallten gleich mehrfach Welten in der Diskussion aufeinander. Daher in Punkten:

Kiturak vs. lfp zu Betroffenheit

Kiturak zitiert in ihrem ersten Kommentar aus lfps Post folgenden Satz per blockquote: „Und als Transsexuelle, Intersexuelle oder Transgenderperson würde ich den mir als Platz zugewiesenen Unterstrich vermutlich ebenso als entwürdigend einordnen.“ und kommentiert darauf:

Nun sind Sie aber nicht trans* oder intersexuell. Ich bin genderqueer und fühle mich mit dem Gender Gap sehr wohl, Sternchen sind auch prima. Mir wäre es lieber, Sie würden tatsächlich nur für sich sprechen und dadurch offener damit umgehen, dass Sie hier Position beziehen gegen alle die, die Gender Gap-Formen als Selbstbezeichnung gewählt haben.
(kiturak on 10/22 at 09:27 PM)

lfp hatte also geschrieben, dass sie nicht zur Gruppe der vom Gender_Gap direkt Betroffenen gehört, aber sich nach Einfühlung in die Betroffenengruppe mit dem Gender_Gap unwohl fühlen würde. Kiturak erwidert, dass Pusch jedoch nicht betroffen ist, Kiturak aber schon. Der Gender_Gap wurde von Kiturak und Anderen jeweils für sich als Repräsentation selbst gewählt. Weiterhin ist die Selbstrepräsentation und Selbstbezeichnung für Kiturak ausschlaggebender und fordert daher lfp auf, sich klar gegen das Selbstbezeichnungsrecht und den Wert der Betroffenheitsperspektive auszusprechen.

Darauf geht jedoch lfp in ihrem nächsten Kommentar nicht ein:

Es stimmt nicht, dass ich “hier Position beziehe gegen alle die, die Gender Gap-Formen als Selbstbezeichnung gewählt haben”. Was ich ablehne, ist eine Schreibweise, die Frauen auf ein Suffix reduziert, ähnlich wie die inzwischen abgeschaffte ursprüngliche Schreibweise “Leser(in)” und “Leser(innen)”. Es hat lange genug gedauert, bis wir sie obsolet gemacht hatten – und nun gibt es davon eine genderqueere Neuauflage: Frauen als “afterthought” nach dem Unterstrich. Dann schon lieber der “dynamische Unterstrich” irgendwo im männlichen Wortbestandteil: “Doze_ntinnen”. Vielleicht können wir uns vorläufig darauf einigen, bis die sinnigere Lösung der Desexualisierung greift.
(lfp on 10/23 at 12:00 PM)

lfp hat in Kituraks Kommentar gelesen, dass Kiturak glaubt, dass lfp etwas gegen Menschen hätte, die sich im Unterstrich repräsentiert fühlen. Das stimmt auch, aber aus einem anderen Grund als lfp statuiert, dass der Vorwurf nicht stimmt. Ich vermute, dass lfp glaubt, dass Kiturak ihr unterstellt, sie hätte grundsätzlich etwas gegen Menschen, die den Gender_Gap als Selbstbezeichnung gewählt haben. Das hat lfp wahrscheinlich aus eigener Perspektive nicht. Doch Kituraks Vorwurf ist ein anderer: Sie sagt, lfp spricht diesen Menschen das Selbstbezeichnungsrecht sowie den Wert deren Betroffenheitsperspektive ab und bugsiert sie damit in die Unmündigkeit, ins gesellschaftliche Aus. Es ist also würde ein Mann sagen „Wenn ich eine Frau wäre, würde ich mich durch das generische Maskulinum sichtbar fühlen“. Gibt es irgendeine_n feministische_n Linguist_in, die/der sich auf so ein Aussage heutzutage tatsächlich ernsthaft einlassen würde?

Das Problem ist jedoch, dass lfp Kituraks Kritik nicht in diesem Sinne verstanden hat. Dementsprechend musste es für lfp so aussehen, als hätte Kiturak die Kritik an der Suffixreduktion nicht verstanden. Schließlich geht’s lfp doch gar nicht um das Existenzrecht von Menschen, die sich nicht im geschlechterbinären System einordnen, es geht ihr um die Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache. Vielleicht erfahren wir im zweiten Teil, ob und inwiefern lfp die Notwendigkeit sieht, dass alle Menschen in der Sprache Sichtbarkeit finden müssen oder ob sie es für wesentlicher hält, dass Frauen und Männer in der deutschen Sprache repräsentiert werden und der Rest eher unwichtig ist.

Doch Letzteres wurde eben nur von einer Partei diskutiert. Auch wenn Kiturak sich im darauffolgenden Kommentar auf die Diskussion einlässt, ob der Gender_Gap eine bessere/schlechtere Lösung ist, ist der Knackpunkt der Diskussion nicht geklärt: Die Kritik an dem von Kiturak zitierten Satz und damit die Positionierung zur Betroffenheitspolitik.

Wie in meiner Analyse „Befreiung durch Bevormundung?“ ist das Verständnis von und die Vorannahmen zu Betroffenheitspolitik zwischen den Generation sehr verschieden und gegenseitig wird von den gleichen Vorannahmen ausgegangen. Diese verworrenene Diskussion zwischen lfp und Kiturak ist also geradezu ein Paradebeispiel für einen Generationenkonflikt zwischen Feminist_innen.

kiturak vs irgendeine userin zu Repräsentation/Mitgemeint/Queer

Das ist ein Fall von „Ich unterstelle Unterschiede, wo gar keine sind“ auf allen Seiten.

Irgendeine Usern schrieb:

Danke Luise!
Ich verwende gerne häufig und häufiger nur die weibliche Form in meinen Blogs. Die Jungs dürfen sich gerne mitgemeint fühlen, wenn es denn passt.
Und wenn ich tatsächlich versuche beide/ alle Geschlechter zu erfassen, schreibe ich “das Mensch”.
Ich kann mich mit der Unterstrich-Variante nicht anfreuenden. Und in einem Blog las ich sogar, dass ich beim Kommentieren darauf achten sollte, die Unterstrich-Variante zu nutzen. Ich habe – trotz interessantem Artikel dort – immer noch nicht kommentiert. Weil, ich schreibe nicht so.

kituraks Einwand kann ich nachvollziehen: Es wird immer schwierig, wenn für andere mitgesprochen wird, weil nach Begründungen oder so gesucht wird. Dennoch bin ich der Meinung, dein Vorschlag für die Sprache ist eine richtige Richtung.
(irgendeine Userin on 10/23 at 08:05 AM)

Meine Zusammenfassung von dem ersten Absatz des Kommentars von irgendeiner Userin ist, dass irgendeine Userin nicht für Geschlechter sprechen möchte, welchen sie nicht angehört. Daher spricht sie ausschließlich in der weiblichen Form und sollte es der Fall sein, dass „Jungs“ ihre Aussagen auch für ihr Geschlecht richtig finden, dürfen sie das gerne denken. Dementsprechend wählt sie neutrale Bezeichnungen nur, wenn sie überzeugt ist, dass die Aussage „beide/ alle Geschlechter“ erfasst.
Eigentlich ist es ein Plädoyer für Betroffenheitsperspektiven, denn sie verweigert sich, den Anschein von Geschlechterneutralität zu geben, wenn es so für sie nicht sicher ist. Dann kommt sie auf einen Blog zu sprechen, wo die Geschlechterneutralität anders gesetzt ist: Hier soll der Gender_Gap genutzt werden, damit sich sprachlich alle sichtbar fühlen. Das kann irgendeine Userin mit ihrer Sprachpolitik jedoch nicht, da sie keine geschlechterneutralen Aussagen machen kann, weil sie von vielen Geschlechtern nicht direkt betroffen ist. Daher kann sie dort nicht kommentieren.
Dementsprechend ist irgendeine Userin im zweiten Absatz zu Kituraks Einwand auch eher verhalten und wertet den Streitpunkt aus ihrer eigenen Perspektive.

Kituraks Kommentar dazu:

@irgendeine userin: Das könnte auch mein Blog sein. Sagen wir so, wenn mir irgendwelche Typen erklären, die rein männliche Form reiche völlig aus, ich dürfe mich ja mitgemeint fühlen, dann positionieren sie sich klar als meine politischen Gegner. Das ist mir fast lieber.

Ich wollte übrigens nochmal klarstellen, dass auch ich in keiner Weise für andere spreche, speziell nicht für trans* und intersexuelle Menschen. Was ohnehin absurd wäre für all die, die sich mit einem der beiden Geschlechter völlig wohl fühlen.
(kiturak on 10/23 at 11:41 AM)

Kiturak hat irgendeine Userin offensichtlich so verstanden, dass irgendeine Userin eine umgedrehte Form von „Frauen dürfen sich mitgemeint fühlen“ praktiziert. Das habe ich übrigens beim ersten Mal auch gelesen, aber das steckt gar nicht drin. Vielmehr bewegt sich die unterschiedliche Heransgehensweise von Kiturak und irgendeine Userin im Spannungsfeld von queeren Ansätzen.

Ich glaube übrigens, dass irgendeine Userin die von ihr als ausschließend empfundene Blog-Nettiquette ebenso falsch verstanden hat: Die Gender_Gap-Pflicht wird für geschlechterübergreifende Aussagen gemeint sein, nicht für geschlechtsspezifische. Ich gehe davon aus, dass ein Kommentar à la „Ich weiß nicht, wie das für andere Geschlechter ist, aber aus meiner Perspektive als Frau denke ich, dass Frauen….“ ohne Probleme durchkommen. Nur auf einem eigenen Blog will eine_r diesen Vorsatz natürlich nicht immer schreiben ;-).

Warum passt dieses Missverständnis unter Generationencrash? Meines Erachentens sinkt die Erwartbarkeit von queeren Ansätzen bei höherem tatsächlichem oder vermutetem Alter. Dazu jedoch ein andermal mehr.

lfp vs kiturak zu hate speech

Kiturak kommentiert einen ekelerregenden Kommentar von Lena Vandrey voller Hass, Verachtung und Misogynie (Ehrlich, ich kann mich nicht entscheiden, ob irgendwer tatsächlich von dieser Hassflut ausgeschlossen ist. Besonders betroffen sind jedoch alle, die ihre Identität nicht nach Chromosomen bestimmen lassen wollen.) folgendermaßen:

@lfp:
Wenn Sie sich entschließen, hate speech wie die von Lena Vandrey zu veröffentlichen, schaffen Sie allerdings für die, die es angeht, hier keine zumutbaren Voraussetzungen für die Debatte.
(kiturak on 10/23 at 02:17 PM)

Als jüngere Feministin mit Netzkulturerfahrung dachte ich: Wie nett von Kiturak, lfp darauf hinzuweisen, dass sie durch die Veröffentlichung des ekelerregenden Kommentars die Diskussion mit von dem Hass stark Betroffenen verunmöglicht, also insbesondere mit Menschen, die sich vom Gender_Gap repräsentiert fühlen könnten. Wer will schon an einer Diskussion teilnehmen, bei welcher es zulässig ist, von Hass überrollt zu werden? Ich bin erschüttert, dass der Kommentar immer noch online ist.
Für mich ist zumindest das ein Mindestmaß an Wertschätzung gegenüber der Betroffenheitsperspektive: Wenn ein_e Betroffene_r sagt, dass etwas den Dialog verhindert, würde ich darauf verzichten, außer mir fällt ein unglaublich weitreichendes, durchdachtes und geniales Argument ein, warum ich darauf nicht verzichten kann. Auf jeden Fall muss es mehr sein als „Lena Vandrey ist eine große Künstlerin und ein Kapitel für sich.“ (lfp on 10/23 at 03:10 PM).

Letzteres Zitat war der letzte Satz eines längeren Kommentars von lfp zur primär-inhaltlichen Diskussion mit Kiturak. War lfp bewusst, dass Kiturak unter den unzumutbaren Vorraussetzungen nicht antworten würde? Ich weiß es nicht, doch wirft lfp Kiturak vor, nicht auf ihre Argumente einzugehen (s. lfp on 10/25 at 12:26 PM).

An diesem Punkt zeigt sich, dass es im generationenübergreifendene Dialog Hürden gibt, die wir erst meistern müssen, bevor wir zu den Inhalten vorstossen können. Wir müssen über Betroffenheitspolitik reden.

Die Schlacht um Diskussionskultur dank Anna-Sarah, mit Flankierung von Cassandra, Helga, lantzschi, Lotti_HH_TS und Katja

Kiturak hatte sich aus der Diskussion zurück gezogen und Anna-Sarah nimmt den Kampf auf, die Diskussionskultur auf fembio.org zu thematisieren. Anna-Sarah interpretiert lfps kurzen Kommentar zu Lena Vandrey als Rechtfertigung der Hasstirade durch „Kunst“. Sie schließt mit

(…) Durch kommentarloses Für-sich-Stehenlassen und sogar (durch den Hinweis auf die “große Künstlerin”) Unterstützen solcher Aussagen wie der oben genannten, seien sie künstlerisch, satirisch, buchstäblich oder wie auch immer gemeint, und das auch noch angesichts eines Hinweises wie dem von kiturak, bezieht mensch, man, frau Position und verhindert, dass Betreffende und Betroffene sich hier in einem angenehmen Diskussionsklima an der inhaltlichen Auseinandersetzung beteiligen können. Ich hatte bisher nicht erwartet, dass derartige Ausschlüsse hier gewünscht seien. Wenn doch, wäre es möglicherweise hilfreich, das zumindest in der Netiquette oder anderswo kenntlich zu machen.
(Anna-Sarah on 10/23 at 10:30 PM)

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lfp antwortet:

@Anna-Sarah:
Lena Vandrey ist eine große Künstlerin, aber was sie da geschrieben hat, ist nur ihre Meinung und nicht etwa Kunst. Lena liebt die Provokation. Ich teile ihre Meinung nicht, wollte sie aber auch nicht zensieren. Wenn Sie sich mit ihrem großartigen Werk oder mit Lena Vandrey persönlich auseinandersetzen wollen, finden Sie hier alle nötigen Informationen: (…) [Link zur Fembio-Biografie von Lena Vandrey werde ich hier nicht veröffentlichen]
(lfp on 10/24 at 09:43 AM)

Darauf Anna-Sarah:

Danke für die rasche Antwort und den Linktipp. Ich denke nicht, dass es hier um Zensur geht – auch das ist ja ein Vorwurf, den wir alle hier, die sich mit sagen wir mal gesellschaftskritischer Arbeit exponieren, nur zu gut kennen, wenn wir z.B. bestimmte angeblich “kritische” Äußerungen aus Strukturierungsgründen nicht zulassen (z.B., in dem wir Kommentare in unseren Blogs nicht oder nicht unkommentiert veröffentlichen): “Ihr ertragt abweichende Meinungen wohl nicht/habt wohl keinen Gegenargumente mehr/verpasst anders denkenden den Maulkorb, ihr Faschistinnen” etc. pp. (…) Ich argumentiere hier nicht für meinungsmäßige und/oder ästhetische Gleichschaltung, sondern für die Herstellung einer konstruktiven Atmosphäre, die anspruchsvolle inhaltliche Auseinandersetzung jenseits persönlicher Angriffe und Diffamierungen ermöglicht. Um die Rahmenbedingungen für eine solche Auseinandersetzung (wenn sie denn gewünscht ist) herzustellen, Bedarf es zuweilen auch der Solidarität mit marginalisierten Stimmen. Ich halte es für die Verantwortung einer und eines jeden, die/der/das ein öffentlich zugängliches Diskussionsforum betreibt, in dieser Hinsicht auf eine gewisse Moderationskultur zu achten. Wie gesagt: Das ist meine Idealvorstellung und natürlich keine in Stein gemeißelte Regel, ich war nur gelinde gesagt überrascht, wie hier zunächst auf einen entsprechenden Hinweis reagiert wurde.
(Anna-Sarah on 10/24 at 10:27 AM)

Ich denke die Zitate sprechen für sich, aber dennoch liegen meines Erachtens falsche Erwartungen zu Grunde und diese bewegen sich rund um die feministische Netzkultur. Ich bin mir nicht sicher, doch meine Vermutung ist, dass Anna-Sarahs Annahme, dass den Vorwurf der Zensur „alle hier, die mit sagen wir mal gesellschaftskritischer Arbeit exponieren, nur zu gut kennen“ richtig ist. Und zwar aus folgendem Grund:

Anna-Sarah entstammt eher der Generation der „digital natives“, als lfp, die sich ins Internet als Erwachsene „reingeschafft“ hat. Während also lfp ihren Feminismus in der physischen Welt maßgeblich prägte, gehört für Anna-Sarah die feministische Netzkultur zumindest als wichtiger Teil dazu.

Ausschlussmechanismen unterliegen in der physischen Welt anderen Gegebenheiten als in der vituellen Welt. Es spielen andere Dinge ein Rolle, so können z.B. ausschließende Kommentare in der physischen Welt nicht verhindert werden, physische und materielle Gestaltungen spielen eine viel größere Rolle. Physische Räume älterer feministischer Organisationsformen (z.B. das LFT (Lesbenfrühlingstreffen), das Frauenzentrum Mainz) sind nach meiner Erfahrung inklusiver, als physische Räume von jüngeren feministischen Organisationsformen (z.B. das Gendercamp oder das ju_fem_netz-Treffen). Die Erfahrung mit den virtuellen und physischen Welten machen den Unterschied:
In der virtuellen Welt tummeln sich einerseits die jüngeren feministischen Räume stärker, andererseits erscheint auf diesen auch mehr zum Thema Ausmerzen von Ausschlussmechanismen zu passieren und zwar maßgeblich zu Fragen der virtuellen Raumgestaltung. In der virtuellen Welt können z.B. ausschließende Kommentare weitgehend verhindert werden, somit liegt eine Priorität darauf, diese Kommentare zu erkennen.

Gerade diese Ausschlussmechanismen werden in der Diskussion zwischen lfp und Anna-Sarah verhandelt und zwar an einer Frage, die im virtuellen Raum wesentlicher ist als im physischen Raum. Es ist die Frage nach „Wie schnell kannst Du weglaufen?“. Während bei Diskussionen und Treffen in der physischen Welt Eskalationen auch nachträglich angegangen werden können, weil Personen die sich aufgrund einer Eskalation „rausziehen“, eben nicht innerhalb von Sekunden abreisen und/oder ganz aus dem Umfeld verschwinden können, stellt sich dieses Problem im Virtuellen anders da: Jede Eskalation und sei sie noch so minimal (z.B. ein ausschließender Diskussionsbeitrag) kann und wird dazu führen, dass Menschen aus der Diskussion verschwinden – teilweise für immer und teilweise ungesehen, denn nicht alle bringen Kommentare in Diskussion ein, Einige hören einfach nur zu… bis zu einem bestimmten Punkt. Die (noch) nicht Kommentierenden können nicht über Beobachtung von Gestik, Mimik und Handlungen und im Falle einer Eskalation entsprechende Integrationsversuche reintegriert werden. In der virtuellen Welt gibt es nur die Chance, die Diskussion so zu gestalten, dass möglichst alle Interessierten nicht „weglaufen“ wollen.

Da das „Weglaufen“ im Netz jedoch so viel einfacher ist, werden Hinweise auf Eskaltionen eher bejubelt als in der physischen Welt: Als Kiturak auf die Eskalationswirkung von Lena Vandreys Kommentar hinwies, gab es für die Feminist_innen, die von der feministischen Netzkultur geprägt sind, nur eine Möglichkeit. Sie mussten entscheiden, worauf sie verzichten wollen: Lena Vandreys Kommentar oder Kiturak. lfp hatte als Blogbesitzerin damit nicht die Wahlmöglichkeit zwischen Zensur und Nicht-Zensur, sondern nur die Wahlmöglichkeit was/wen sie zensieren möchte. (Der Begriff der Zensur, vor allem mit den negativen Implikationen, ist hier ziemlich unpassend.) Ich glaube nicht, dass sich lfp dieser Zusammenhänge bewusst ist/war.

Das Bejubeln von Hinweisen auf Eskalationen ist im gesamten Kommentarthread ein fehlendes Glied und damit konnte eine zweiseitige Schlacht um die Diskussionskultur auf fembio.org entstehen. Mehrere Kommentator_innen (Lotti_HH_TS, Cassandra, Katja, Lantzschi, Helga) verwiesen auf cissexistische und andere ausschließende Inhalte in Kommentaren (z.B. Dürr, Anne, Lena Vandrey) und im Artikel von lfp. Der Gender_Gap als solcher, das eigentliche Thema des Threads, ging dazu im Verhältnis unter. lfp kritisiert diest: „Die linguistischen Teile meiner Argumentation wurden in der Debatte überhaupt nur gestreift.“ (lfp on 10/25 at 12:26 PM). Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass nur diskutiert werden kann, wenn diskutiert werden kann. Es braucht die Wertschätzung von Kommentaren, die sich um das Diskussionsklima bemühen und die Wertschätzung des Engagements von (jüngeren) Feminist_innen aus der feministischen Netzkultur. Anna-Sarah, als Hauptadressatin der Diskussion, hat sich sehr viel Mühe gegeben außerhalb ihres Machtgebiets (es ist nicht ihr Blog, sie kann nicht bestimmen) und fembio.org hat 4 Tage später reagiert:

(…)Übermäßig aggressive Äußerungen werden redigiert oder ganz gelöscht.
Bisherige Äußerungen dieser Art bleiben aus historischen Gründen stehen, damit die LeserInnen verstehen, worauf sich einzelne Beiträge beziehen.
Wir wünschen uns allen ein gutes Diskussionsklima. Gerechte Sprache ist ein zu wichtiges Anliegen, um es in Streitereien zu zerreiben.
(Die FemBio-Redaktion on 10/26 at 08:53 AM)

Bingo vs. ekelerregende Kommentare

Die Beziehung und das Verständnis von feministischer Netzkultur ist damit für mich auch eine Generationenfrage, dies zeigt sich auch, als Anna-Sarah einen weiteren Kommentar von Lena Vandrey mit „Bingo“ (Anna-Sarah on 10/24 at 12:44 PM) quittierte. Nach meiner Erfahrung kennen nur wenige ältere Feministinnen und Feministinnen der Zwischengeneration das Bingo-spielen der kritischen Netzdiskussionskultur.

Beim Bingo-rufen geht es nicht darum Zustimmung zu äußern, sondern um das Gegenteil: Für fast jede Form von ekligen, beleidigenden, sexistischen, rassistischen, cissextischen usw. Argumentationen wurden bereits Bingo-Karten entwickelt, welche die häufigsten ekligen Aussagen in die Kästchen packt. Damit können Leser_innen bei einem ekligen Kommentar versuchen, auf einer passenden Bingo-Karte ein Reihe/Spalte/Diagonale zu füllen. Wird dies mit einem ekligen Kommentar erreicht, hat die Leser_in „gewonnen“, die es als Erste merkt.